Blogparade: Die Lehrer/innen Ausbildung – eine kleine und schmerzhafte Abrechnung!

Die Ausbildung von LuL in diesem Lande – eigentlich darf man gar nicht darüber nachdenken – sollte man aber.  Ein schmerzhafter Prozess. Einer der mich mitunter auch sauer macht. Dieser Post ist einem Twitter-Dialog zwischen den Lehrern @DejanFreiburg, @MittelbachTom und mir geschuldet. In diesem Internet haben wir uns Nachmittags gemeinsam über die Unzulänglichkeiten in der LuL-Ausbildung in Rage geschrieben. Am Ende haben wir vereinbart, diese Kritik in 200 x 140 Zeichen gemeinsam zu digitalem Papier zu bringen.

Seit 15 Jahren bilde ich LuL aus. In verschiedenen europäischen Ländern. Was sich in Deutschland abspielt ist mitunter traurig und hat mit der kreativen Gestaltung von Zukunft bzw. innovativer Bildung eher wenig zu tun.

Wir wollen in diesem Post drei Perspektiven aufzeigen, um unsere Kritik klar zu formulieren und damit auch konkrete Lösungsansätze entwickeln zu können. Formulierungen in diesem Post sind ganz bewusst provokant gewählt und auch Ausdruck meines Ärgers über das System.

Perspektive 1: Referendar/innen

Es ist ja kein Geheimnis, dass viele LuL ihren Beruf auch in Ermangelung von akademischen Alternativen gewählt haben.  Abiturient/innen, deren NC nicht für das Wunschstudium reichte oder die einfach nicht wussten was sie sonst machen sollten. Das Berufsbild des Lehrers ist klar umrissen, da braucht es nicht viel Phantasie. Man weiß was auf einen zukommt, die finanzielle Zukunft scheint sicher. Das diese Entscheidungspathologie nicht dazu führt, dass sich kreative oder gar visionäre Köpfe zu LuL ausbilden lassen, liegt da auf der Hand. Der Dienst nach Vorschrift liegt dem Referendar vielleicht nicht im Blut, aber das System schleift sich seine Staatsdiener langsam zurecht. Überhaupt ist der Beamtenstatus im Berufsfeld “Lehrer/in” kein Guter. Wann hat der Staat seine Diener das letzte mal zu Kreativität oder Wagnissen aufgerufen?

Schlimmer noch sind aber die gescheiterten Akademiker. Menschen, die sich nach der Dissertation vergeblich um Stellen in der akademischen Welt bemüht haben und in dem Lehrerberuf den letzten „Karrierestrohhalm“ vermuten. Verzweifelte, die sich in System Schule flüchten, um sich nicht länger von Lehrauftrag zu Lehrauftrag hangeln zu müssen.

Diese beiden Entscheidungsmotivationen sind fast immer die Ursache für Gespräche, die ich mit leidenden Referendar/innen führe und in denen es dann häufig darum geht, dass Sie nicht in der Lage sind ihren Schulalltag zu bewältigen: Referendare, die in ihren Klassen kein Bein auf den Boden bekommen, die Angst davor haben ihren SuS den Rücken zuzuwenden, die sich verzweifelt an digitale Medien klammern um damit von mangelnder Kompetenz abzulenken und möglichst viel technischen Abstand zwischen sich und den SuS zu kreieren. Ich bin immer wieder erstaunt darüber, dass so viele Referendar/innen ihre Berufswahl so unbedarft getroffen haben. Wieso hat ganz offensichtlich ein Abgleich der eigenen Person mit dem zahlreichen positiven und negativen Beispielen aus der eigenen Schulkarriere ganz offensichtlich nicht oder nur unzureichend stattgefunden. Wie kann das sein, dass so viele Referendar/innen so absolut enttäuscht über ihr eigenes Scheitern sind, obwohl sie es hätten kommen sehen müssen. Eine ECHTE und obligatorische Beratung am Anfang eines Lehramt Studiums sollte stattfinden und könnte vielen das böse Erwachen ersparen. Eine solche Beratung sollten uns sowohl die künftigen LuL als auch deren SuS wert sein.

Perspektive 2: Die Universitäten

Ich habe immer gerne studiert und auch gerne im akademischen Kontext gelehrt. Ich schätze die akademische Perspektive sehr und bin der Meinung, dass wir durch die Forschung und wissenschaftliche Erkenntnisse einen großen Reichtum für Lehre und Bildung bekommen können. ABER: Die Ausbildung der LuL in diesem Land muss auch in den Hochschulen reformiert werden.

Perspektive 3: Die Schule als zukünftiger Arbeitgeber

Die Besetzung von freien Planstellen gibt seit jeher Anlass zu Ärger und Besorgnis. Bewerbungsverfahren die nur zum Schein durchlaufen werden, weil die Stellen unter der Hand natürlich schon längst vergeben sind – diese Seilschaften sollen hier nicht Thema sein.

Vielmehr interessiert mich die Frage warum sich Schulen und Schulleitungen bei der Auswahl ihrer Lehrkräfte oftmals von Noten blenden lassen. Wann waren Noten jemals mehr als ein Anhaltspunkt für Befähigung? Gerade wir Lehrer/innen sollten doch wissen, dass es soviel mehr braucht als gute Noten, um ein guter Lehrer zu sein. Leidenschaft, Interesse, Empathie, Offenheit,  Ein akademischer Abschluss mit Bestnote macht mich mittlerweile eher Stutzig, besonders wenn es um die Einschätzung von Lehr- und Lernfähigkeiten geht. Eine sehr gute Note in Verbindung mit einem Lebenslauf der deutlich macht, dass Schulkarriere, Studium und Referendariat in ein und dem selben Bundesland, womöglich noch in derselben Stadt (und Worst Case Szenario: An ein und derselben Schule), stattgefunden haben sind für mich immer ein Grund ganz genau hinzuschauen, ob diese/r Kandidat/in den Ansprüchen des Berufes tatsächlich gewachsen ist bzw. ob er oder sie in der Lage ist neue Wege zu beschreiten und SuS innovatives Lernen zu ermöglichen.  Ich würde diese inzestuösen Lehrer/innen-Ausbildungsoptionen gerne durch ein obligatorisches Referendariat im europäischen Ausland aufgelöst sehen. Menschen wachsen in interkulturellen Kontexten und Austauschen. Erfahrungen in einem anderen Bildungssystem könnten für alle eine Bereicherung sein. Wie denken andere Systeme, wie arbeiten sie, wie denken sie über Bildung und welche Fragen stellen sie sich. Wir sollten uns gegenseitig bei der Suche nach neuen Wegen in der Bildung unterstützen. Wir haben diese europäische Dimension – wir sollten sie nutzen und für LuL wäre die Institutionalisierung von Austausch eine echte Chance und Bereicherung.

Blogparaden-Beiträge

1.) Dejan Mihailovic: Blogparade: Lehrer von morgen heute denken

2.) Tom Mittelbach – Professionalisierung der Beziehhungsarbeit zwischen LehrerInnen und SchülerInnen.

3.)

Nachtrag zum Humor-#EDchatDE oder warum Selbstironie eine Kernkompetenz für Lehrer/innen sein sollte.

razorirony

Foto „Ohtheiron(y)“ von Karl Berstein unter CC BY 4.0.

 

 

Ein Nachtrag zum letzten Edchat („Humor im Klassenzimmer„), weil ich nicht teilnehmen konnte/wollte, um den unverdienten (aber grandiosen) Sieg des BVB nicht zu verpassen.

Mir geht es nicht so sehr um die Frage nach Humor sondern um den Teilaspekt „Selbstironie“. Mit @lacknere habe ich vor einigen Tagen ein paar Tweets zu eben jenem Thema ausgetauscht.

Hier also nun noch ein paar zusätzliche Bemerkungen, die sich (vielleicht nicht) nahtlos in den letzten edchat einfügen.

In meiner Umgebung gibt es viele Lehrer/innen, denen Selbstironie und das Lachen über sich selbst völlig abhanden gekommen sind. Über sich selbst zu lachen ist für viele Menschen in exponierten Positionen keine Option. Bildungsaufträge sind eine ernste Sache und sollten auch so ausgeführt werden. In Klassenarbeiten werden humoristische Einlassungen – unabhängig von deren Richtigkeit – oftmals pauschal als „falsch“ bewertet. „Ausdrucksfehler“ nennen Lehrer/innen selbst scharfsinnigen Einsatz von Humor. Humor wird häufig als persönlicher Angriff auf die eigene Kompetenz gewertet – manchmal sogar persönlich genommen. Humorlosigkeit und mangelnde Selbstironie können im Falle von berufsalltäglichen Missgeschicken die eigene Person konterkarieren.

Ein Freud’scher Versprecher? Supergau. So ein Zwischenfall wird in der Regel lieber – mehr oder weniger – elegant umschifft oder mit rotglühenden Ohren einfach übergangen. Dabei spielt hier das Alter eher keine Rolle. Ich beobachte diese Reflexe im Umgang bei Referendar/innen, und erfahrenen Kolleg/innen gleichermaßen.

Dabei ist Selbstironie eine Chance. Über sich selbst lachen zu können, kann ein vollkommen entwaffnendes Momentum sein. In Unterrichtseinheiten, kann ein „Abfall geistiger Anwesenheit“ der Resetknopf für Lehrende und Lernende sein. Befreiendes Lachen, ein wenig rumalbern, kopfschütteln und dann geht es weiter. Statt zu versuchen, das Gelächter mit einem bösen Blick und dem Zusatz „seid doch nicht so kindisch“ im Keim zu ersticken, einfach mal mit(m/l)achen. Sich selbst nicht so ernst nehmen. Das ist für viele nicht leicht. Mir hilft eine ironische Selbstwahrnehmung beim reflektieren meiner Arbeit. Selbstironie schafft einen gesunden Abstand zu sich selbst.

Vielleicht hat es auch mit der Angst vor Autoritätsverlust zu tun? Kann es sein, dass meine Schüler/innen nicht mit mir sondern über mich lachen? Lieber humor- und freudlos, als zum Gespött werden. Und am Ende wird man es mit der harten Hand eben doch schwer haben. Vielleicht nicht weil man zum Gespött geworden ist sondern zu einer/ einem „richtigen“ Lehrer/in – mit Stock im Arsch und der (dem) Faust im Gesicht – bis zur Pensionierung. Ich ermutige ausdrücklich zu Humor und besonders zur Selbstironie. Natürlich sind Humor und Selbstironie auch immer Typfragen, aber nicht alles immer bierernst zu nehmen, halte ich für wichtig, um in unserem Beruf be- und überstehen zu können. Ich würde sogar soweit gehen, „Selbstironie“ als eine elementare Lehrenden-Kompetenz zu bezeichnen.

iPad-Schulen, Produktbindung und die (Un-)Freiheit der Gedanken

Vorab: Ich schreibe diese (unvollständige) Kritik als Heuchler – ich bin selbst Apple-Nutzer und einigermaßen überzeugt von den Möglichkeiten, die diese Produkte eröffnen.

Ich bin vor einigen Tagen nochmal über den Vortrag von Eben Moglen “Freedom of Thought Requires Free Media” (im Rahmen der #rp12) gestolpert. Dabei ist mir wieder bewusst geworden, dass wir uns mit dem Wunsch nach digitalen Medien im Unterricht auf einem schmalen Grat bewegen, wenn wir uns bedingungslos an Hard- und Software binden, die von Wirtschaftsunternehmen mit klarem ökonomischen Interesse vertrieben werden.

Das Label “iPad-Schule” halte ich in diesem Zusammenhang für hochproblematisch. Wenn wir Medienkompetenz ernst meinen, dann müssen wir auf die Bequemlichkeit, die uns z.B. Appleprodukte zweifellos offerieren, verzichten und freie Hard- und Software nutzen. Mit einer Produktbindung an dieses oder jenes Konzept (weil wir es hip und sexy finden) behindern wir die Entwicklung freiheitlicher Gesellschaften: “Ensuring that media remain structured to support rather than suppress individual freedom and civic virtue requires us to achieve specific free technology and free culture goals. Our existing achievements in these directions are under assault from companies trying to bottleneck human communications or own our common culture, and states eager to control their subjects’ minds.” (Moglen)

Das staatliche Schulen nach dem Label “iPad-Schule” streben ist eigentlich ein Unding. Und in Cupertino reiben sich Marketingstrategen und Buchhaltung die Hände. Wir sollten uns dringend Gedanken darüber machen, ob wir Bequemlichkeit höher bewerten als echte Medienkompetenz, die ja immer eng verknüpft ist mit echter Teilhabe an einer digitalen Gesellschaft. Wer Bildung mit Google oder Apple Produkten gestaltet, der sollte gemeinsam mit SuS auch darüber nachdenken, wie die Technik funktioniert, wer oder was dahinter steckt und was der Preis für technische Monokultur sein kann. Wenn wir das nicht tun, dann verharren wir bei Hipster-Bildung und vernachlässigen unsere Bildungsaufträge.

Natürlich ist es im ersten Moment “uncool” und unbequem sich mit freier Software und z.B. Raspberry Pi auseinanderzusetzen, aber wenn wir echte “Maker” und nicht “Jünger” ausbilden wollen, dann müssen wir auf opportune Mono-Produktbindung verzichten bzw. zu einem kritischen Umgang damit anleiten. Wer “Apple sagt, muss auch “Android” sagen können. Das hässliche Stichwort “alternativlos” sollte es in dieser Debatte nicht geben.

Unmündigkeit durch Bildung – ein Nachtrag zum letzten #edchatDE

Na dann, halt doch ein eigenes Blog. Und hier der erste Beitrag, den ich heute morgen bereits auf dem Blog vom @amsellen gepostet habe (posten durfte!!!).

Ein Nachtrag zum #EdchatDE vom 10.03.2015 zum Thema „How schools kill creativity“. Ein wichtiges Thema. Mein erster Edchat. Zu der These Ken Robinsons („Schule erstickt Kreativität“) wurde dann jedoch nur wenig getwittert. Das ist schade, denn in dieser These verbergen sich grundsätzliche Fragen nach der Qualität des Bildungssystems und unserem Verständnis von Lehren und Lernen. Im Kern der These geht es nicht darum, dass Schulen einen Aspekt menschlicher Handlungsfähigkeit vernachlässigen. Es geht um das Erwachsenwerden und eine damit einhergehende Mündigkeit. Am Ende steht hinter Robinsons These der Zweifel am Zustand der Gesellschaft selbst. Leider ist diese Diskussion hinter die Gespräche über digitale Medien und gute Apps für den Unterricht zurückgetreten (wahrscheinlich ist dieses Versäumnis auch einfach dem Format geschuldet – das Thema zu groß). Also werde ich jetzt hier ein bis drei lose und äußerst subjektive Gedanken in diesen Internet schreiben.

Wer Kant zückt, der erntet schnell mal Augenrollen und Gespött (meist zurecht). Ich will das in diesem Moment gerne ertragen, um die Reichweite der These von Sir Ken Robinson darzustellen. Kant beginnt  seinen Essay “Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ mit der Feststellung, dass Aufklärung der Ausbruch aus der Unmündigkeit ist.

“AUFKLÄRUNG ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldetenUnmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.”

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